Thema des Monats April 2002

Hugo Grotius Bedeutung für die Rechtswissenschaft

Vielfach wird Hugo Grotius als der "Vater des Völkerrechts" gefeiert. Einigen Rechtswissenschaftlern geht diese Bezeichnung zu weit, anderen nicht weit genug. In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Grotius hat durch seine Veröffentlichungen, welche Zeugnis einer außerordentlich breiten Bildung und Belesenheit sind, der Rechtswissenschaft an Gerechtigkeit und Frieden orientierte Grundlagen an die Hand gegeben die über zwei Jahrhunderte richtungsweisend waren. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die Bedeutung Hugo Grotius für die Rechtswissenschaft gegeben werden.

Hugo Grotius wurde am 10. April 1583 in der niederländischen Stadt Delft geboren. (Auf dem Marktplatz der Stadt steht heute ein Denkmal zu seinen Ehren.) Er stammte aus einer angesehen, großbürgerlichen Familie. Mit 11 Jahren schrieb er sich bei der Universität Leiden ein. Im Jahre 1597 verließ er die Universität mit ausgezeichneten Abschlüssen in Mathematik, Philosophie und Jurisprudenz und reiste ein Jahr darauf als Begleitung des niederländischen Staatsmann G. Oldenbarnevelt an den Hof des französischen Königs Heinrich IV. Nach seiner Rückreise wurde Grotius der Doktortitel in Rechtswissenschaft "doctor iuris utriusque" verliehen.

Neben seiner Tätigkeit als Advokat begann Grotius zu publizieren. 1609 erschien sein Werk "Mare liberum". Er behandelte darin ausführlich die Rechte über die Weltmeere, besonders das Seebeuterecht und das Kriegsrecht. In Anbetracht des damaligen päpstlichen Anspruchs, Rechte über die Weltmeere zu gewähren, der anhaltenden Störung der niederländischen Handelsschifffahrt im Fernen Osten durch Spanier und Portugiesen, sowie der Gefährdung der niederländischen Fischereiinteressen in der Nordsee durch die Engländer ist die Brisanz der Veröffentlichung des "Mare liberum" 1609 leicht vorstellbar.
Eine
englische Übersetzung dieses Werks hält die McMaster University in Hamilton, Ontario (Canada) bereit. Wer eine französische Übersetzung bevorzugt, findet eine solche bei Gallica. Den lateinischen Originaltext scheint es im Internet nicht zu geben.

Grotius wurde in den folgenden Jahren immer mehr in den calvinistischen Religionsstreit zwischen Anhängern der orthodoxen Prädestinationslehre und den damit nicht übereinstimmenden Arminianern gezogen. Als schließlich die Lage eskalierte und ein Bürgerkrieg drohte, intervenierte Prinz Moritz von Oranien: Es wurden zahlreiche Arminianer verhaftet und des Landesverrats für schuldig befunden, darunter auch Grotius und Oldenbarnevelt. Grotius blieb jedoch das Schicksal Oldenbarnevelts, der hingerichtet wurde, erspart. Statt dessen wurde er zu lebenslanger Haft auf der Festung Loevestein verurteilt. Dort schriebt er das Manuskript der "Inleidinge tot de Hollandsche rechts-geleerdheyd". Es war in holländisch verfasst und ursprünglich dazu gedacht seinen Kindern das holländische Recht näher zu bringen. Die "Inleiding", die 1631 als Buch erschien, war die erste systematische Darstellung des römisch-holländischen Rechts. Sie hat die holländische Gerichtspraxis bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst. In den von Holländern ursprünglich besiedelten Gebieten Südafrikas hat das römisch-holländische Recht noch heute einen Platz in der Rechtswissenschaft.

In einer Bücherkiste gelang Grotius schließlich 1621 die Flucht nach Paris. Dort schrieb er sein berühmtes Werk zum Völkerrecht "De iure belli ac pacis". Zu beachten ist, dass Grotius nicht das "Völkerrecht" nach modernem Verständnis meinte. Vielmehr umfassen seine Abhandlungen die der gesamten Menschheit gemeinsamen Rechtsregeln. Beispielsweise schließt das Kriegsrecht nach Grotius nicht nur zwischenstaatliche sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen mit ein. Folglich hat "De iure belli ac pacis" auch im Strafrecht große Bedeutung erlangt. Zusätzlich behandelt Grotius in seinem Werk selbst zivilrechtliche Themen: Beispielsweise entwickelte er die Theorie vom Vertragschluss in Form von Angebot und Annahme in eigenem oder fremdem Namen auf der Basis der Selbstgesetzgebung freier und vernünftiger Individuen.
"De iure belli ac pacis" können Sie im
lateinischen Originaltext bei Gallica nachlesen. Eine englische Übersetzung hält die McMaster University in Hamilton, Ontario (Canada) bereit. Ergänzend empfiehlt sich die Lektüre des Aufsatzes "Hugo Grotius und das antike Völkerrecht" von Christian Gizewski (Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, TU Berlin). Dieser hat übrigens auch einige Aufgaben (mit Lösungen) zusammengestellt, anhand derer sich die Grundzüge des "De iure belli ac pacis" gut erarbeiten lassen. (vgl. Übung 8 b).

1631 glaubte Grotius die Gelegenheit günstig, wieder in die Niederlande zurückzukehren, musste aber wenige Monate später erneut fliehen. 1634 verzichtete er schließlich auf die niederländische Staatsbürgerschaft und ging als schwedischer Botschafter nach Paris. Im Alter von 62 Jahren starb Grotius am 28. August 1645 an den Folgen eines Schiffsbruchs auf der Reise von Stockholm nach Lübeck.
Weitere
biographische Informationen enthält die Biddle Law Library der University of Pennsylvania Law School.

Abschließend sei auf das besonders reichhaltige Literaturangebot bei Gallica hingewiesen. Wer sich näher mit Grotius und seiner Lehre beschäftigen möchte, findet hier unter dem Titel "Grotius et le droit international" zahlreiche Druckwerke im Faksimile.
Übrigens: Im Rahmen des Online-Seminars der Universität des Saarlandes fand im Sommersemester 1998 ein
Design-Wettbewerb statt, bei dem eine Homepage für Hugo Grotius erstellt werden sollte. Hier die Ergebnisse.

(cf)




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