Thema des Monats Februar 2002

1160 Jahre Straßburger Eide

Die Überlieferung der Straßburger Eide vom 14. Februar 842 ist das erste Zeugnis sprachlicher Verschiedenheit zwischen Ost- und Westfranken und der Beginn der "französischen" und "deutschen" (Sprach-)Geschichte. Blicken wir anlässlich des 1160. Jahrestages der Straßburger Eide in die Vergangenheit und rekonstruieren die historischen Umstände:

Zur Zeit Karls des Großen (742-814) hatte die Ausbreitung des Fränkischen Reichs seinen Höhepunkt erreicht. Der Zusammenhalt des Imperiums war aber keineswegs gefestigt: Bereits sein Nachfolger Ludwig I. der Fromme kämpfte gegen erste Auflösungstendenzen. Nach dessen Tod wurde die Reichseinheit schließlich Opfer der Erbfolgeauseinandersetzungen zwischen seinen Söhnen: Es entfachte ein offener Bruderkrieg zwischen Karl dem Kahlen, Ludwig dem Deutschen und Lothar I. Karl beanspruchte die Herrschaft des westlichen, Ludwig des östlichen Teils und Lothar die Herrschaft über das Mittelreich von der Westküste der heutigen Niederlande bis zum südlichen Zipfel Italiens. Die Karten der University of Texas at Austin vom Fränkischen Reich um 814 zur Zeit Karls des Großen sowie von 843 nach der Reichsteilung durch den Vertrag von Verdun verdeutlichen die territoriale Herrschaftsentwicklung. Weitere Informationen zur historischen Situation findet man im Repetitorium Mittelalter der Universität Tübingen, auf der Seite der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen sowie in den Web Veröffentlichungen des Historischen Seminars der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Im sächsischen und bayerischen Teil des Frankenreiches, sowie im Frankenstamm am Main und Rhein und im alemannischen Stamm wurden "volkstümliche" ("deutsche") Sprachen gesprochen, die einander so ähnlich waren, dass Angehörige der verschiedenen Stämme sich verstehen konnten. In den anderen Teilen des Frankenreichs war das aus dem Lateinischen entstandene Altfranzösisch verbreitet.
Eine
Einführung in die germanische Sprachgeschichte und einige alt- und mittelhochdeutsche Texte hält Susan Vaupel für Sie bereit. Einen Überblick über die romanische Sprachgeschichte hat Otto Weikopf zusammengestellt.

Am 14. Februar 842 trafen sich die Brüder Karl und Ludwig in Straßburg. Dort leisteten beide einander einen Bündnisschwur gegen Lothar I., die sog. Straßburger Eide. Ludwig, der normalerweise rheinfränkische (althochdeutsche) Mundart sprach, schwor auf altfranzösisch und Karl, dessen Mundart westfränkisch oder romanisch war, auf althochdeutsch. Die Heere beider gaben sodann nacheinander, jeweils in ihrer Sprache, den Eid ab, dass sie ihrem Herren, falls dieser dem Bruder eidbrüchig werden sollte, keine Hilfe leisten werden. Der Text der Straßburger Eide ist in der Chronik von Nithard überliefert. Nithard war wahrscheinlich Augenzeuge des Schwurs und wird auch an der Beratung und Formulierung mitgewirkt haben. Der einzig erhaltene Abdruck dieser Chronik ist in der Bibliothèque Nationale de Paris (Fonds latin Nr. 9768) erhalten. Sie können den Originaltext im Internet auf der Erlanger Historikerseite nachlesen. Weiteres Material in der bibliotheca Augustana.

Bei der Überlieferung der Straßburger Eide handelt es sich um die erste deutsch-französische Parallelurkunde, d.h. es wurde zum ersten Mal althochdeutsch und altfranzösisch neben Latein als Vertragssprache verwendet. Wer sich für alte Sprachen interessiert, kann sich einmal an der Übersetzung der Eide versuchen. Hilfe dazu findet man im Dictionnaire étymologique de l'ancien français der Heidelberger Akademie der Wissenschaften sowie im Lexikon des Althochdeutschen der Universität München. Wer diese Mühe nicht auf sich nehmen möchte, der kann die Übersetzung in den Reading Selections der University of Maryland einsehen.

Die Straßburger Eide gelten als Markstein der sich in den folgenden Jahrhunderten immer weiter vollziehenden sprachlichen und kulturellen Trennung zwischen Ost- und Westfranken. Welche Auswirkungen diese auf die Entwicklung der Sprachenvielfalt im heutigen Europa hat, können Sie in dem Aufsatz "Sprachen und Sprachpolitik in Europa in Geschichte und Gegenwart" von Jost Gippert nachlesen.

(cf)




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