Mathilde Diederich

(Staatssekretärin im Ministerium der Justiz Sachsen-Anhalt)


Laudatio für Eike von Repgow

anläßlich der Festveranstaltung zu Ehren Eike von Repgow
aus Anlass des 60. Geburtstages von Prof. Dr. Krause am 15.0ktober 1999




Sehr geehrter Jubilar, Prof. Dr. Krause
Sehr geehrte Festversammlung

Der Einladung zur heutigen Feierstunde bin ich natürlich besonders gerne gefolgt, denn dass man mich mit der ehrenvollen Aufgabe betraut hat eine ”Laudatio” auf Eike von Repgow zu halten, erfüllt mich großer Freude.

Eine Lobrede über einen Mann, der fast 800 Jahre tot ist, von dessen Leben es nur wenige Quellen gibt und dies vor einem spannenden Beitrag des zuständigen Historikers erscheint schwierig. Und dennoch, die eine alles überragende Quelle zeigt diesen Mann uns, ausgestattet mit Initiative, Kreativität zeitlos aktuell.

Wer war also dieser geniale Eike von Repgow aus Anhalt?

Sein Verdienst ist es, das wohl bedeutendste und einflussreichste Rechtsbuch des Mittelalters verfasst zu haben, den Sachsenspiegel, die Hauptquelle für eine Laudatio, wie Sie sich sicher denken können.

Man wird Eike von Repgow nicht als Juristen im modernen Sinne bezeichnen können. Rechtsgelehrte kamen damals noch allein aus den schon bestehenden Schulen in Italien, die kirchenrechtlich orientiert waren. Die Bezeichnung Rechtskundiger trifft daher wohl eher zu, ohne damit die Leistungen Eikes von Repgow schmälern zu wollen.

Die einmalige Leistung Eikes von Repgow besteht darin, dass er nicht nur eine umfängliche Rechtsaufzeichnung, sondern zugleich eines der ersten Prosawerke deutscher Sprache verfasst hat. Eike von Repgow also nicht nur ein Rechtskundiger, sondern auch ein Prosaiker, möglicherweise sogar ein Dichter? Nicht zu vergessen und für uns Juristen von besonderer Bedeutung; Eike hat mit seinem Sachsenspiegel die deutsche Rechtssprache begründet. Er hat die Wiege des Magdeburger Landrechts begründet, das einen enormen Verbreitungsgrad weit bis Osteuropa und zeitlich gesehen bis zum Bürgerlichen Gesetzbuch vom 1.1.1900 erreicht hat.

So bedeutend das Werk Eikes für uns und für seine Zeit war, er selbst gab sich bescheiden. Bescheidenheit, eine Tugend für wirklich große Persönlichkeiten.

So heißt es in seiner Vorrede:

”...Dies Recht habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Es ist vielmehr seit alters her von unseren rechtschaffenden Vorfahren überliefert.”

Also das Recht unserer Väter.

Nicht selbst also hat er im Sachsenspiegel neue Rechtsregeln geschaffen. Dies lag ihm fern. Vielmehr ging es ihm darum, das vorgefundene Recht seiner Heimat zu ”spiegeln”.

”Spiegel der Sachsen sei deshalb dies Buch genannt, weil mit ihm das Recht der Sachsen allgemein bekannt wird, wie durch einen Spiegel den Frauen das Antlitz, das sie erblicken”.

Auch dies ein Zitat aus Eikes Vorrede zu seinem Sachsenspiegel, dem er damit selbst seinen so originellen Namen gab.

Nur wenig wissen wir von Eike. Umso geheimnisumwitterter ist seine Gestalt und umso mehr weckt es unser aller Interesse, mehr über diesen genialen Menschen zu erfahren.

Eike von Repgow entstammt einem Geschlecht, das von 1156 bis in das frühe 19. Jahrhundert in Urkunden des mitteldeutschen Raumes präsent ist. Seine Familie nannte sich nach einem kleinen Dorf, das heute Reppichau heißt und in dem Städtedreieck Köthen-Dessau-Aken liegt. In sechs Urkunden wird der Spiegler erwähnt, die ihn als Zeugen verschiedener Rechtshandlungen ausweisen.

Mit seiner Selbstbenennung im Sachsenspiegel und diesen sechs Urkunden sind auch schon die sicheren biographischen Nachrichten über den Spiegler erschöpft. Das hat die Wissenschaft aber keineswegs von weiteren Versuchen abgehalten, die Persönlichkeit Eikes von Repgow näher zu charakterisieren.

Vieles liegt im Dunkel. Bereits sein Geburtsjahr und sein Sterbejahr können nur vage angegeben werden.

Unklarheiten bestehen auch über Eikes Stand und seine schulische Ausbildung. Auch hier ranken sich die verschiedensten Vermutungen. War er ein sogenannter Edelfreier oder ein Ministerialer? Hatte er womöglich gar selbst ein Schöffenamte inne, was ihn gerade zur Niederschrift des Sachsenspiegels prädestiniert hätte? Fragen, die bis heute nicht eindeutig geklärt sind. Aber sicher wird mein Nachredner, Herr Prof. Dr. Springer, hier etwas mehr Licht in das mittelalterliche Dunkel bringen.

In meiner Laudatio werden daher nur einige ”Highlights” seines großen Werkes Erwähnung finden.

Der Schriftsteller Eike von Repgow, der nicht schreiben konnte?

Der Text des Sachsenspiegels läßt darauf schließen, dass Eike lesen konnte. Ob er aber auch des Schreibens mächtig war, läßt sich, so die Historiker, schon nicht mehr mit Bestimmtheit beantworten. Ein Kuriosum, wenn man bedenkt, dass die Formel ”Lesen und Schreiben” für uns doch selbstverständlich ist. Nicht so zu Zeiten Eikes von Repgow. Man wird wohl davon ausgehen müssen, dass sich Eike zur Niederschrift seines Sachsenspiegels des Diktates bedient hat. Das schmälert seine Leistung aber nicht im Geringsten. Man muß hier auch berücksichtigen, dass das Schreiben zu jener Zeit auf Grund der Schreibgeräte, Schreibstoffe und Beschreibstoffe gewisse Handfertigkeiten voraussetzte, die erst mühevoll erlernt werden mußten.

Eike von Repgow ein Theologe?

Auch wenn Eike möglicherweise nicht des Schreibens mächtig war, er besaß doch eine umfassende theologische Allgemeinbildung. Der Text des Sachsenspiegels läßt darauf schließen, dass er die Bibel, einige Kirchenväter und die Regeln des kanonischen Rechts kannte. Wo er diese Kenntnisse erworben hat, ist wiederum ungewiß. Auch hier ranken sich die verschiedensten Vermutungen - etwa der Besuch einer kirchlichen Schule -.

Eike von Repgow der Historiker?

Eike von Repgow hat uns mit seinem Sachsenspiegel nicht nur die Welt des Mittelalters aus rechtlicher Sicht näher gebracht. Er hat uns damit auch seine Umwelt vertraut gemacht. Vielleicht mag es übertrieben klingen, wenn ich behaupte, dass der Sachsenspiegel uns auch eine kleine Sittengeschichte dieser Zeit offenbart. Da ist die Rede von Markt und Dorf, Hof und Hufe, Mühlen und Äcker, Pflug und Egge, Herde und Hirte, Mistgabel und Schweinestall; daneben ritterliches Wesen: Burgen, Schwert, Schild und Harnisch, Streitroß, Turnier und Zweikampf.

Beim Lesen des Sachsenspiegels, jedenfalls empfand ich das so, ist man entrückt in eine vergangene Welt mit verblüffend ähnlichen Problemen wie heute, die spannend und so lebensnah das gesellschaftliche Leben spiegeln. Bedauerlicherweise stellt sich dieses Phänomen bei dem Studium heutiger Rechtsbücher nicht in der Weise ein.

Wie war der Mensch Eike von Repgow? Die von ihm propagierten Eigenschaften skizzieren die nach heutigen Maßstäben perfekte Führungspersönlichkeit.

Welche charakterlichen Eigenschaften zeichneten ihn aus? Die Antwort müssen wir, mangels anderer Erkenntnisquellen, im Sachsenspiegel selbst suchen. Und wie ich meine, tritt daraus zum Greifen nahe das Bild seiner Persönlichkeit hervor.

Rechtschaffenheit in eigenen Angelegenheiten mahnt er in seiner Reimvorrede zum Sachsenspiegel bei denjenigen an, die neues Recht einführen wollen.

”Deshalb prüfe man denjenigen, der neues Recht einführen will, daran, wie rechtschaffen er selbst ist. Dann kann er mir nicht viel schaden.”

Wie wahr, wenn man an heutige Gesetzgebungsverfahren und die dazugehörigen Debatten denkt.

“Selbstbewußt in Glaubens- und Gewissensfragen” so schmettert er uns in seiner Reimvorrede entgegen, das Recht nicht zu verdrehen, denn wer das Recht verdrehe, breche den Bund mit Gott.

Oh, ihr Heerscharen von Juristen nehmt Euch ein Beispiel an diesem Appell für werterhaltende Standfestigkeit und gegen feige Opportunität.

Bei alledem ist ihm der menschliche Standpunkt nicht fremd. Seine nüchterne Haltung, die kritische, insbesondere selbstkritische Veranlagung überwiegen. So mußte auch Eike von Repgow damals schon erkennen, dass es ein Recht, dass es allen und gleichermaßen recht macht, nicht gibt, und auch von ihm nicht niedergeschrieben werden kann. So schreibt er in seiner Reimvorrede:

”Doch Recht, das allen Leuten in gleicher Weise gut gefällt, das vermag keiner zu lehren.”

Hier also die Erkenntnis, dass es ohne Kompromisse im Zusammenleben der Menschen nicht geht.

Für konstruktive Kritik war Eike offen. Eine heute nur für Spitzenkräfte verwendetes Beurteilungskriterium. Rechtschaffene Leute, so forderte er in seiner Reimvorrede auf, denen irgend etwas begegne, was er mit seinem begrenzten Wissen übersehen habe und worüber sein Buch deshalb nichts enthalte, sich in jedem Fall darum zu bemühen haben, eine Entscheidung dem Recht entsprechend zu erhalten.

So sehr Eike der Wahrheit verbunden war, so sehr verabscheute er Lügen. So läßt er uns in seiner Reimvorrede teilhaben an seiner Angst, dass sein Buch durch Zusätze anderer erweitert werden könnte, die das Recht in sein Gegenteil wenden. Doch auch hier vertraut Eike auf Gott, den, wie er schreibt,”... niemand zu betrügen vermag, der weiß, dass ich unschuldig bin, und er weiß auch, dass sie lügen!”

Eike von Repgow kann stolz sein auf sein Werk, das größer war, als er vielleicht selber ermessen konnte. Er selbst hat dies indes nicht so gesehen. Allerdings kommt auch sein gesundes Selbstbewußtsein in einem weiteren Zitat zum Ausdruck. Wenn er sich auch angefeindet, verkannt und einsam fühlte.

”Hier stehe ich als Zielscheibe wie Wild, das die Hunde anbellen. Wem meine Lehre mißfällt, der widerspreche mir, so gut er kann. Mancher glaubt in seinem Kreis ein Meister zu sein, der kaum ein Meisterlein bliebe, wenn er mit mir um die Wette zu laufen hätte.”

Eike von Repgow als Bestsellerautor?

Eike von Repgow und sein Sachsenspiegel wirken noch heute und erreichen nach wie vor zahlreiche Auflagen.

Warum ist es in dieser Zeit und in diesem Raum zur Aufzeichnung eines Rechtsbuches in einer solchen Qualität gekommen und warum hat gerade dieses Recht eine solch immense Verbreitung gefunden?

Nach Meinung von Historikern spielte die Besiedlungsgeschichte des östlichen Harzvorlandes und des Elbe-Saale-Raumes eine Rolle bei der Abfassung des Sachsenspiegels. Dieses Gebiet wurde seit dem 5. Jahrhundert nach und nach von Thüringern, Sachsen, Nordschwaben, Franken, Friesen und Slawen besiedelt. Diese wurden in der Regel vor Gericht nach unterschiedlichem Recht, nämlich nach ihrem jeweiligen Heimatrecht behandelt. Dass eine solche Verfahrensweise in der Praxis schnell unüberschaubar wurde, kann man sich lebhaft vorstellen. Außerdem drohten sich die verschieden personell abgegrenzten Rechtsordnungen zu vermischen, wodurch die eine oder andere Bevölkerungsgruppe ihre vielleicht günstigere Rechtslage gefährdet sah.

Diese Umstände mögen dazu geführt haben, dass sich ein allgemeiner Drang zur Verschriftlichung und Vereinheitlichung des Rechts entwickelt hatte, welcher schließlich in der Niederschrift des Sachsenspiegels mündete.

Mit dem Sachsenspiegel wurde also dem Bedürfnis der Menschen nach niedergeschriebenem Recht Rechnung getragen. Eike trug akribisch die geltende Rechtspraxis zusammen und schrieb sie nieder. Heute würden wir sagen, dass für die Bürgerinnen und Bürger seit dem schwarz auf weiß nachzulesen war, was erlaubt war und was nicht, welche Streitigkeiten wie geregelt werden konnten. Und meine Damen und Herren, was der Sachsenspiegel schon damals regelte ist unserem heutigen Recht nicht fremd. Dies verwundert auch nicht, denn die Menschen haben sich, was ihr grundsätzliches Wesen anbelangt, seit dem nicht bemerkenswert verändert.

Mit praktikablen Antworten klärte der Sachsenspiegel z.B. wem der Hopfen gehörte, wenn er über den Zaun in des Nachbars Garten wuchs, welches Fuhrwerk zuerst eine Straßenenge passieren durfte, wer den Vorrang hatte von mehreren Bauern an der Mühle, wer und wie für den Schaden aufzukommen hatte, den er einem anderen aus Unachtsamkeit zugefügt hatte.

Ich will an dieser Stelle nicht auf alle der eben angesprochenen Antworten eingehen. Der Sachsenspiegel, der in zwei thematische Hauptteile, nämlich Landrecht und Lehnrecht unterteilt ist, enthält z.B. im Landrecht schon das moderne Nachbarrecht wie die folgende Regelung zeigt:” Wenn sich Hopfen über einem Zaun rankt, dann greife derjenige, in dessen Hof sich die Wurzel befindet, so nahe an den Zaun, wie er kann, und ziehe den Hopfen hinüber:...das, was auf der anderen Seite bleibt, gehört seinem Nachbarn. Diese Regelung ist dem heutigen Bürgerlichen Gesetzbuch nicht ganz fremd. § 911 BGB z.B. regelt den sog. Hinüberfall. Danach gelten Früchte, die von einem Baume oder einem Strauche auf ein Nachbargrundstück hinüberfallen als Früchte dieses Grundstücks. Oder § 910 BGB der sog. Überhang. Danach kann der Eigentümer eines Grundstücks Wurzeln eines Baumes oder eines Strauches, die von einem Nachbargrundstück eingedrungen sind, abschneiden und behalten. Und lassen Sie mich an dieser Stelle noch folgendes ergänzen: manche Vorschrift des Sachsenspiegels wird von uns heute noch landläufig verwendet, und läßt sich mehr oder weniger offenkundig der ein oder anderen aktuellen gesetzlichen Regelung entnehmen.

Denn die Frage z. B. wer den Vorrang von mehreren Bauern an der Mühle hatte, regelte der Sachsenspiegel ganz einfach und uns allen bekannt: ”Wer zuerst zur Mühle kommt, der soll auch zuerst mahlen.”. Uns ist diese Regelung allerdings vertrauter in der Kurzfassung: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wir müssen heute natürlich nicht mehr klären, wer sein Korn zuerst mahlen darf. Aber der Rechtsgedanke, der dahintersteckt, die Juristen sprechen hier vom Prioritätsgrundsatz, der hat auch heute noch große Bedeutung. Beispielsweise regelt die Grundbuchordnung die Frage, wie zu verfahren ist, wenn mehrere Personen einen Antrag auf Eintragung eines bestimmten Rechtes betreffend dasselbe Grundstück bei einem Grundbuchamt gestellt haben. In § 17 GBO heißt es dazu: ”Werden mehrere Eintragungen beantragt, durch die dasselbe Recht betroffen wird, so darf die später beantragte Eintragung nicht vor der Erledigung des früher gestellten Antrages erfolgen.” Wie Sie sehen gilt auch hier: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Meine Damen und Herren, mir liegt es fern, Sie heute mit derartigen juristischen Einzelheiten womöglich noch zu langweilen.

Was ich sagen will, auch Eike von Repgow mußte sich schon damals mit Fragen des Nachbarrechts, des Straßenverkehrsrechts und des Schadensrechts auseinandersetzen und hat es, zunächst in latein, und später erstmals in deutscher Sprache lebensnah und verständlich aufgeschrieben. Das ist Innovation, er hat eine Marktlücke entdeckt, er wäre heute ein anerkannter Manager.

Meine Damen und Herren,

dem Bedürfnis nach niedergeschriebenem Recht ist man im deutsch-deutschsprachigen Raum fortan und wohl gerade in jüngster Zeit in einem Maß nachgekommen, das wohl kaum noch Wünsche offen läßt. Ich glaube, dass sich die Klage über zu wenig positives Recht sehr in Grenzen hält. Längst sind wir an einem Punkt angelangt, wo berechtigt, die Reduzierung von Regelungen diskutiert wird.

Das Schlagwort von der Deregulierung macht daher zunehmend die Runde. Für Diskussionen dieser Art kann der Sachsenspiegel, kann vor allem der Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte durchaus vorbildlich sein: Denn der Wunsch nach niedergeschriebenem Recht entsprang einfach dem Bedürfnis nach Rechtssicherheit. Ein Bedürfnis, und insoweit werden Sie mir sicher zustimmen, das zeitlos und immer aktuell ist. Wahrscheinlich würde sich Eike von Repgow angesichts der nicht mehr überschaubaren Menge von Regelungen verzweifelt die Haare raufen, würde er heute noch einmal vor die Aufgabe gestellt einen Sachsenspiegel zu verfassen. Denn genau das Gegenteil dessen, was der Verfasser des Sachsenspiegels bezweckte, ist eingetreten. Ein Gesetzesdschungel, den manch rechtsunkundiger Bürger nicht mehr durchschauen kann, trägt nicht gerade zur Rechtssicherheit bei. Ich meine, dass die Gesetzgeber der Gegenwart mit ein bißchen mehr Repgow gut beraten wären. Die Vielfalt unserer gesetzlichen Regelungen auf das Wesentliche zu konzentrieren und nur das festzuhalten, was wirklich wichtig ist. Das könnte auch heute eine Aufgabe sein, derer sich ein Eike von Repgow annehmen müßte. Umso wichtiger ist es, dass sein Werk nicht in Vergessenheit gerät und umso mehr ist all jenen zu danken, die sich heute hier eingefunden haben, um das Andenken Eikes von Repgow in unser aller Gedächtnis festzuschreiben.


Meine Damen und Herren!

Neben allen Irrungen und Wirrungen wird ein aufmerksamer Beobachter, wie Eike von Repgow einer war, beim Anblick der täglichen Rechtspraxis vor allem zweierlei entdecken: Stabilisierung und Wandel. Beides scheint sich zu widersprechen. Ich meine aber, sie bedingen sich gegenseitig. Ich glaube, wir können guten Gewissens sagen, dass der Rechtsstaat in Sachsen-Anhalt, wie auch in den anderen neuen Ländern etabliert ist. Insofern läßt sich fraglos von Stabilisierung sprechen. Diese war aber nur durch Wandel möglich und vor allem: die Akzeptanz dieses Rechtsstaates wird aus meiner Sicht nur mit weitreichenden Reformen zu gewährleisten sein; wobei man durchaus auf bewährte und von der Bevölkerung gerade auch in der Vergangenheit anerkannte Regeln zurückgreifen darf. Eike von Repgow hätte wohl nichts dagegen. (Dreistufigkeit des Gerichtsaufbaus)

Die künftige Stabilität bedarf also dringend des Wandels.

Meine Damen und Herren!

Dass sich Juristen, zu deren Zunft auch ich gehöre, mit der Gestalt Eikes von Repgow auseinandersetzten mag ja noch nachvollziehbar sein. Was aber bewegt Sie, Herr Prof. Krause als gestandenem Rechtsmediziner sich mit nahezu fanatischer Hingabe dem Wohl und Wehe dieses Mannes zu widmen? Ist es etwa dem Umstand landsmännischer Verbundenheit geschuldet? Wie wir wissen, sind auch Sie, Herr Prof. Krause ursächsischer Herkunft. Auf der Suche nach einer wirklich plausiblen Erklärung, kam mir aber der Gedanke, dass es nur so sein kann, dass es sich bei Eike von Repgow wohl um einen Patienten der Pathologie ganz besonderer Art handeln muß. Nur so sind Ihre aufopferungsvollen ”Wiederbelebungsmaßnahmen” für Eike zu erklären.

Den Anblick des schwer verwundeten, weil von amerikanischen Projektilen während des 2. Weltkrieges getroffenen Eike von Repgow konnten Sie nicht mehr länger ertragen. Es war als Arzt daher Ihre vornehmste Pflicht die ”Leiden” Eikes zu lindern und die Heilung Ihres Patienten in Gang zu bringen.

Dies ist Ihnen in vorbildlicher Weise gelungen. Nachdem die Diagnose klar war, haben Sie Eike im April erst einmal nach Berlin zu Kur geschickt. Nachdem er dort prächtig gesundet war, hat er wieder seinen angestammten Platz eingenommen, von wo aus er seine prüfenden Blicke auf das hiesige Landgericht richten kann. Dieser vorbildliche ärztliche Einsatz verdient unser aller Dank und Respekt. Sie haben damit nicht zuletzt einen innigsten Wunsch Eikes erfüllt; nämlich ihn und sein Werk in unser aller Gedächtnis zu bewahren, ”...damit mein Schatz unter der Erde nicht mit mir vergehe...”

Lieber Eike von Repgow, lieber Prof. Dr. Krause. Seien Sie gewiß, dass Ihr Schatz nicht mit Ihnen vergangen ist, sondern lebendig und hilfreich in unserem Denken fortbesteht.



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