Maximilian Herberger

Juristen, böse Christen

Erstveröffentlichung:
Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG)
Erler, Adalbert (Hrsg.) / Stammler, Wolfgang (Begr.)
II. Band: Haustür – Lippe, 1. Auflage 1978 Berlin
S. 482 f.



Um 1300 entwirft Hugo v. Trimberg in seinem Lehrgedicht „Der Renner“ eine Pathologie des Juristenstandes seiner Zeit (vgl. V. 8275-8800). Als Grundübel wird die Habgier angesehen, die dazu führt, daß die Juristen allzu oft auf der Seite der Reichen und Mächtigen stehen und das Recht der Armen beugen. Ihre Mittel dabei sind überspitzte Formalismen, Entstellungen der Wahrheit und endlose Verschleppung der Prozesse. In diesem düsteren Bild mischen sich alttestamentliche Gedanken (vgl. Deut. 16, 19) mit den Erfahrungen, die man in der Rezeptionszeit mit der neuen Berufsgruppe der gelehrten Juristen machte. Zwar unterscheidet Hugo v. Trimberg zwischen guten „Juristen“, die sich an ein religiös geprägtes Standesethos halten, und bösen „Judisten“, was soviel wie „Judassöhne“ bedeuten soll (V. 8351 ff.). Über diese sagt er, daß man wenig Treue findet an boesen kristen, die da geheizen sind judisten (V. 8391 f.; ebenso V. 8654; Boese judisten, boese kristen). Vier Handschriften haben aber in V. 8392 die Lesart „Juristen“, vielleicht weil die Abschreiber schon das Sprichwort „Juristen, böse Christen“ im Ohr hatten.
Während Hugo von Trimbergs Kritik der Gewissenlosigkeit vieler Juristen gilt, ist für den Notar Johannes von Tepl (-> Johann v. Saaz) der Gegenstand der Jurisprudenz selbst fragwürdig geworden. Im „Ackermann aus Böhmen“ (1400) läßt er den Tod sagen: Jura, wandelbares und widersprüchiges Recht, und Juriste, der gewissenlos criste, mit rechtes und unrechtes vürsprechung, mit seinen krummen articlen – die und ander den vorgeschriben anhangende künste helfen zumale nicht (cap. 26, Z. 45-50 nach der Ausgabe von W. Krogmann, 1969). Zu Thomas Murners Zeiten war das Wort im Volksmund lebendig, denn in der „Narrenbeschwörung“ (1512) wird es als Zitat gebracht: Darumb seit mans von den iuristen, nit, lychnam, syens guotte christen; darumb das sy das recht verkoeren, des muoß ich sy ouch hie beschwoeren (Nr. 29: Fuoß halten, V. 9-12). Um 1515 ist eine erweiterte Fassung belegt: roller (Fuhrleute), zoller (Zöllner), schergen, vergen (Fährleute), ertzet (Ärzte), poeten und juristen, seind siben böszer christen (Keisersberg: Das irrig schafe, Straßburg 1514, A 2
b; vgl. auch Friedrich Zarncke: Die dt. Universitäten im MA. 1857, 151). Taucht hier noch der Arzt in der Gesellschaft des Juristen auf (wie auch bei Hugo v. Trimberg), so ist das später nicht mehr der Fall.

Die Redensart „Juristen, böse Christen“ ist also nicht erst in der Reformationszeit entstanden, wie man eine Zeitlang angenommen hat. Viglius von Ayta (1507-1577) hat die Formulierung zwar oft gebraucht (E. de Meteren: L'histoire des Pays-Bas, Haag 1618, f. 135 v.). Es ist jedoch nicht richtig, ihn als deren Schöpfer anzusehen und von einem „apophtegma Vigilii“ zu sprechen (so N. Henel v. Hennenfeld: Otium Wratislaviense 1648, 454). Wohl aber schwingen in der Reformationszeit neue Untertöne mit, wenn das Wort aufgenommen wird. Man kann das in Luthers Tischreden verfolgen, wo er dieses alt Sprichwort (WA. Ti. 5, 5663) öfters verwendet. Wieder ist von Bestechung und Prozeßverschleppung die Rede, die solche „Juristen, böse Christen“ sich zuschulden kommen lassen (WA. Ti. 6, 7024). Aber zu diesem nun schon traditionellen Vorwurf kommen neue Gesichtspunkte: „Böse Christen” sind die Juristen, welche die Gerechtigkeit der Werke preisen (WA. Ti. 1, 349), ihre kirchenrechtliche Definition der Kirche mit dem Wesen der Kirche verwechseln (WA. Ti. 5, 5663), nicht nach der christlichen Lehre leben (WA. Ti. 6, 7030) und Feinde der Theologen sind (WA. Ti. 3, 2809 b). Es sind also in erster Linie die Kanonisten, auf die Luther das alte Wort nun münzt (Vgl. WA. Ti. 6, 7011). Neben diesen neuen Akzenten greift aber Luthers Juristenkritik alle überlieferten Topoi auf. Da ist von bloßer Buchgelehrsamkeit, übertriebenem „Rabulismus“ und von der Korrumpierung durch die Macht die Rede: Werdet ihr Juristen denen vom Adel auch ihre Tugende sagen, vom Wucher, Tyranney, welches sich nicht geziemet; so wirds euch gehen wie uns (WA. Ti. 2, 1364). Und so stehen auch im Urteil des Volkes die Juristen weiter auf der Seite der Mächtigen. Eine neue Redensart lautet: Der Gelehrten Recht ist der Macht und Gelds Knecht (Chr. Lehmann: Florilegium politicum 1630,309, Nr. 60). Weiterhin gelten sie als „böse Christen“, denn sie verdrehen das Wort Jus, Recht also, daß Vis, Gewalt darauß wird und daher vor Rechts-Gelährte billig Rechts-Verkehrte zu schelten seyn. Noch 1666 war das Sprichwort so gemein als gestrichte Struempffe (S. v. Meltorff a. a. O., 3). Es tauchen nun Verteidigungsschriften auf, die zu beweisen suchen, daß ein Jurist ein guter Christ sein kann, wenn er sich an bestimmte Grundsätze hält. Es handelt sich um „Juristen-Spiegel“, die ein anwaltliches Standesethos entwerfen: Ein Jurist soll eher Streit schlichten als ihn aus Gewinnsucht schüren, er soll einen Armen vertreten, auch wenn dieser ihn nicht bezahlen kann, er soll wissentlich keine unrechte Sache fördern, er soll nach den Gesetzen urteilen. Es geht den „Spiegeln“ um persönliche Integrität, ohne die alle methodische Perfektionierung als Gefahr angesehen wird.
Führte einerseits die in dem Sprichwort „Juristen, böse Christen“ formulierte Juristenkritik zu einer bemerkenswerten Selbstreflexion auf juristischer Seite, so hatte sie noch eine zweite Wirkung: Sie ließ den Gedanken an Kodifikationen aufkommen, die in Zukunft doctores überflüssig machen sollten. Diese Schlußfolgerung wird schon bei einem Anonymus des 16. Jh. aus dem Gedanken von der Überflüssigkeit der Rechtsgelehrten abgeleitet: Drumb denn aus dem Grundt zu helfen soll man ein neues corpus juris und Gesez begreifen und ein Auszug aus allen Reichsabschieden machen (ZRG (GA) 1 (1880) 246).
Über Jahrhunderte hinweg ist so die Geschichte des Sprichwortes „Juristen, böse Christen“ eine Geschichte des Sozialprestiges der Juristen und der inneren und äußeren Gefährdungen des juristischen Berufs. Auch wenn die Redensart heute nicht mehr sehr gebräuchlich ist, leben doch unverkennbar viele Motive weiter, die im Laufe der Entwicklung mit ihr verbunden waren.

H. D ö r r i e s „Der Juristen Schwitzbad“ – Das beirrte Gewissen als Grenze des Rechts, Festschrift f. Erich Ruppel 1968, 63 ff.; K. K ö h l e r Luther und die Juristen 1873; L. S. v. M e l t o r f f (L. Schritzmeier) Juristen-Spiegel durch Anleitung des Sprichworts „Juristen sind böse Christen“ 1666; G. R a d b r u c h Juristen – böse Christen, Die Argonauten H. 9 (1916); E. R i e z l e r Die Abneigung gegen den Juristen 1925; A. S t e i n Martin Luthers Meinung über die Juristen, ZRG (KA) 85 (1968) 362ff.; R. v. S t i n z i n g Das Sprichwort „Juristen böse Christen“ in seinen geschichtlichen Bedeutungen 1875 (mit zahlreichen Nachweisen S. 28-32).



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